Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist es wieder so weit, die Suche nach einem Weihnachtsbaum für die Kirche nimmt ihren Lauf. Groß soll er sein, schön regelmäßig gewachsen, mit breit ausladenden Zweigen, die viele Kerzen tragen können. So was wächst am besten freistehend in Gärten. Das ist die Theorie. In der Praxis ist ein solcher Baum gar nicht so gut. Der Pastor hat keine Lust, jedes Mal: „Von drauß’ vom Walde komm ich her …“ zu sagen, wenn er sich durch das Tannengrün gekämpft hat, das den Altarraum ausfüllt; der Küster fragt sich angesichts der Dimensionen, wer eigentlich nicht mitbekommen hat, dass wir keine Kathedralen besitzen, sondern eher bescheidene Kirchen und Kapellen.

Nicht um Weihnachtsbäume, aber auch um Nadelgehölze geht es bei dem, was der Pastor und Kirchenrat Rudolf Rocholl 1879 angesichts der Armut unserer Kirche schrieb: „Hohe Türme haben wir nicht. Mächtige Glocken läuten uns nicht. Alte Stiftungen für Kirchenbau und Pfarrbesoldung besitzen wir nicht. Das haben wir alles uns nehmen lassen; das haben wir alles fahren lassen, als wir uns auf freiem Feld neu haben anbauen müssen. Niemand gab uns etwas. … Die Stellung, die wir einnehmen, ist die ungedeckteste und ausgesetzteste. Und nun sollten wir uns wundern, dass unsere Kleider wenig manierlich, dass sie zerrissen und zerfetzt sind? Die Freunde in den Staatsund Landeskirchen meinen, wir müssten aussehen, wie wenn man auf dem Paradeplatz marschiert. Das Parademachen hört aber auf, wenn’s vom Wort zur Tat kommt. Unten im warmen Grunde, da können die schönen heiteren Park-Tannen stehen. Oben aber auf dem Bergkamm, wo die Stürme pfeifen, da müssen die Wetter-Tannen stehen. Die sind zerzaust genug. Ich wollte mich bedanken, und so eine einsame sturmgepeitschte Wettertanne sein, wenn ich nicht müsste!“

Ähnliches schreibt unser Bischof in seinem Artikel, ob die SELK arm ist. Jenseits aller Armutsromantik ist auch das Interview aus dem Gefängnis mit der Frage, wie das ist, wenn man gar nichts mehr hat von dem, was für viele Weihnachten ausmacht. Und was Weihnachten trotzdem mit Fülle und einem auch sichtbaren Reichtum zu tun hat, erwäge ich und wünsche Ihnen, dass Sie Gottes Wort hören können, der sagt: „Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, du bist aber reich …“
(Offenbarung 2,9).

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen
Andrea Grünhagen