Editorial

Gruenhagen-AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

dass es der Karriere nicht förderlich ist, wenn man im Arbeitszeugnis als „gesellig“ beschrieben wird, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Das bedeutet nämlich: macht nur Party und schafft nix. Aber dass es Menschen gibt, die im wahrsten Sinne des Wortes „gesellig“, eben gern in Gesellschaft sind, ist trotzdem nichts Schlechtes.

Ich erinnere mich noch an den „Einführungskurs Theologie“, den uns damals Prof. Günther gehalten hat. Der sagte: „Ein Pfarrer muss leutselig sein, selig, wenn er Leute um sich hat.“ Mir fallen da zwar durchaus Gegenbeispiele ein, aber im Grunde stimmt es. Wer beruflich viel mit Menschen zu tun hat, sollte das nicht als Dauerbelastung empfinden. Allerdings hat auch der extrovertierteste Mensch mal genug und will nur noch alleine sein. Von introvertierten Menschen unterscheidet er sich dadurch, dass dieser Punkt bei ihm einfach später erreicht ist.

Was man noch alles über verschiedene „Beziehungstypen“ sagen kann, erfahren Sie in dieser Ausgabe. Ich finde es spannend, dass die persönliche Eigenart sich meistens in allen Lebensbereichen zeigt. Also Mannschaftssport oder individueller Work-Out, Gruppenreise oder einsame Berghütte, Mädelsabend mit 5 Freundinnen oder Buch und Badewanne … Sogar bei der Frömmigkeit gibt es Unterschiede: Hausandacht oder Stille Zeit, Stundengebet oder gemeinsame freie Gebetszeit, das hat alles etwas mit Nähe und Distanz zu tun. Und da wir alle in Beziehungen leben zu anderen Menschen und zu Gott, ist es gut, mal darüber nachzudenken, wie man da gestrickt ist.

Ein weiteres Thema dieser Ausgabe sind die Anmerkungen von Doris Michel-Schmidt zum Buch „Ende des Luthertums?“. Zwei Dinge finde ich daran bewegend: Für jeden Finger, mit dem wir auf die evangelische Kirche zeigen, die der Autor kritisiert, weisen drei auf uns selbst zurück. Das andere: Die SELK stellt auch für konservative Christen in der Landeskirche oft keine theologische oder gemeindliche Alternative dar. Warum eigentlich nicht? Klar, eine Meinung muss man sich leisten können, und das hat etwas mit Ämtern und Gehältern zu tun. Aber vielleicht machen wir ja auch nicht deutlich genug den Mund auf und werden deshalb nicht wahrgenommen?

Ich wünsche Ihnen ein intensives Nachdenken.

Ihre Andrea Grünhagen