Editorial

Gruenhagen-AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

welche Kleidung trug Ihr Pfarrer, als Sie ihm das letzte Mal außerhalb des Gottesdienstes begegnet sind? Ich wette, bei etwa 80 Prozent unserer Leser lautet die Antwort: „Äh, grauer Pullover?“ Graue Pullover haben etwas für sich. Sie sind zeitlos, dezent, passend bei vielen Gelegenheiten und, na ja, grau halt.

Wenn ich nun fragen würde, wann Sie sich sonntags mal so richtig schick angezogen haben, wären wir wahrscheinlich wieder bei 80 Prozent, die sagen: „Konfirmation oder so?“ Kleidung ist in unserer Kirche ein Nicht-Thema. Vorbei sind die Zeiten, als man sich über Rocklängen und Jeanshosen stritt, während der Pfarrkonvent aussah wie Bankangestellte auf Betriebsausflug. Kleidung wird erst wieder zum Thema, wenn einem bewusst wird, dass man dadurch mehr oder weniger subtil Botschaften sendet. Jochen Roth erläutert das in seinem Artikel.

Kleidung hat auch immer mit dem Thema „Zeigen und Verhüllen“ zu tun. Darum geht es dabei auch immer um Scham und Verletzlichkeit. Auch dazu können Sie in dieser Ausgabe etwas lesen. Wie viel und was gezeigt und verhüllt wird, ist wiederum eine Frage gesellschaftlicher Konventionen, die nicht unbedingt bewusst ausgesprochen werden müssen. Es handelt sich dabei um kulturelle Signale, die oft etwas mit Religion zu tun haben. Deshalb erfordert es (Herzens-)Bildung und ein (natürliches) Empfinden für Anstand und Stil, sich hier angemessen zu verhalten. Also ist es doch gut, dieses Nicht-Thema mal zum Thema zu machen.

Nicht zuletzt geht es um die Erkenntnis, dass nicht immer nur andere (falsche) Signale senden, sondern ich möglicherweise auch.

Ein gut gekleideter Mensch drückt neben einer gewissen Selbstachtung auch Respekt vor dem Umfeld aus, in dem er sich gerade bewegt. Wer dagegen zum Beispiel eine Kirche in Italien in Shorts betritt, das Aussehen anderer öffentlich kommentiert, Respekt vor religiösen Symbolen vermissen lässt und andere durch unästhetische beziehungsweise unanständige Entblößung in Verlegenheit bringt – der war und ist schlicht ungebildet und schlecht erzogen. Das sollten sich Christen nicht nachsagen lassen müssen. Und nebenbei: Es ist kein „eitler weltlicher Tand“, etwas anderes als einen grauen Pullover zu besitzen …

Herzliche Grüße
Andrea Grünhagen