Editorial

Gruenhagen-AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

wer kennt es nicht, das Gefühl, dass sich die Erde ein bisschen zu schnell dreht? Zu viele Veränderungen, zu viel Arbeit, zu viele Kontakte zu zu vielen Menschen, zu viele Eindrücke … Das Hamsterrad dreht sich wie irre, und man selbst weiß nicht mehr so genau, wo oben und unten ist. Könnte es nicht alles mal ruhiger ablaufen? Müssen mir andauernd Menschen irgendwelche Nachrichten schicken? Ich würde gern einfach mal in Ruhe meine Arbeit machen, ohne an fünf Dinge gleichzeitig denken zu müssen. Warum soll ich mich dauernd auf veränderte Umstände einstellen? Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr effektiv und flexibel sein müssen, mir wird alles zu viel.

Endlich Ruhe und Beständigkeit, was für ein Traum. Nein, was für ein Albtraum! Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, ein Freilichtmuseum zu besuchen. Ich liebe es, mir vorzustellen, wie Menschen in der Vergangenheit gelebt haben. Das hilft auch ungemein, dankbar für die Gegenwart zu werden. Die Arbeit auf einem Bauernhof vor 200 Jahren war zwar von Beständigkeit geprägt, aber eine Idylle war es nicht. Auch mangelnde Abwechslung, eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten und eintönige Arbeit sind Stress.

Stillstand kann viel schlimmer sein als Veränderung. Natürlich ist es anstrengend, sich auf Neues einzustellen, auch in der Kirche. Aber mal ehrlich, was entscheidet sich in Ihrem Leben anders, wenn der Kuchen beim Seniorentreff selbst gekauft, statt selbst gebacken ist? Welche Bedeutung hat die Farbe der Kaffeekannen in der Gemeindeküche im Verhältnis zu Ihrer sonstigen Lebenswirklichkeit? Hat es Auswirkungen auf Ihr Lebensglück oder Ihr ewiges Seelenheil, wo der Pastor wohnt? Könnte es nicht sogar eine Lust auf Veränderung geben?

Neues ist auch anstrengend. Gerade wenn Menschen verunsichert oder überfordert sind, überschreiten sie leicht Grenzen des respektvollen Umgangs, auch unter Mitchristen. Nicht zuletzt dadurch wird oft „alles zu viel“. Es gibt aber etwas, das hilft dagegen: Gelassenheit. Wir sollten wirklich lernen, Projekte und Menschen auch mal zu lassen …

Ihre Andrea Grünhagen