Editorial

Gruenhagen-AndreaLiebe Leserinnen und Leser,

Familienleben kann schön sein, muss aber nicht. Im Grunde weiß das auch jeder, und trotzdem geistern so viele Idealvorstellungen durch die Köpfe. In diesen Wunschbildern sind Ehepaare pausenlos verliebt, Mehr-Generationen- Familien ein Hort des Friedens, und die lieben Kinder bleiben immer klein und niedlich.

Würden wir uns ohne diese Ideale jemals auf das Abenteuer Familie einlassen? Wenn wir nicht glaubten, dass man sich auf Dauer lieben kann? Wenn werdende Eltern nicht das süße Baby, sondern den zweijährigen Trotzkopf mit laufender Nase oder die unausstehliche Vierzehnjährige mit pubertärer Hormonvergiftung vor Augen hätten? Wenn wir nicht hofften, wir wären diejenigen, bei denen das Zusammenleben von Eltern und erwachsenen Kindern konfliktfrei laufen könnte? 

Wahrscheinlich nicht. Und doch muss ein bisschen Realitätssinn auch sein. Wenn Sie bei der Lektüre dieser Ausgabe allein der Gedanke tröstet: „Es geht also nicht nur uns so“, dann ist schon viel gewonnen. Sogar in der Bibel gab es das, was wir heute als „dysfunktionale Familien“ bezeichnen würden. Wobei diese Familien nicht ohne Hoffnung bleiben, dass Vergeben möglich ist. Um Vergebung geht es auch in dem Artikel über Familienleben in unserer Zeit. Verzeihung erbitten und gewähren ist meistens dann nötig, wenn wir es gerade gar nicht verdienen, aber brauchen.

Der Pfarrer Kellner, über den ich Ihnen auf Seite 9 etwas erzähle, sagte einmal zu seiner Frau, als sie sich über ihre junge Ehe etwas enttäuscht zeigte: „Siehst du, Schatz, such’s bei keiner Kreatur.“ Das ist zwar humorvoll gemeint gewesen, hat aber einen sehr handfesten Sinn: Wir sollen nicht von Menschen erwarten, was nur von Gott zu erwarten ist. Umgekehrt soll man auch nicht frömmer sein wollen als Gott, sondern ihn in dem suchen und finden, was er uns gerade gibt, wie Dietrich Bonhoeffer mal gesagt hat. Das gilt auch für Ehe und Familie.

Ein anderes Thema bewegt uns in diesem Monat natürlich auch. Am 31. Oktober findet das eigentliche Jubiläum von Luthers Thesenanschlag statt, eine Tatsache, die man fast vergessen könnte nach all den bereits gewesenen Feierlichkeiten. Darum möchten wir das Reformationsjubiläum noch einmal Revue passieren lassen und auch die Frage stellen, ob man bereits jetzt von einem Ertrag desselben sprechen kann.

Lesen Sie selbst …

Andrea Grünhagen