Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

haben Sie bemerkt, dass da „Gemeinde leben“ statt Gemeindeleben auf der Titelseite steht? Als Gemeinde zu leben, bedeutet mehr, als ein aktives „Gemeindeleben“ zu haben. Das unterscheidet Gemeinden auch von Kaninchenzüchtervereinen, denn das gepflegteste Vereinshaus, die nettesten Sommerfeste und die bestbesuchten Jahreshauptversammlungen sagen zwar viel über engagierte Kaninchenzüchter, nichts aber über eine christliche Gemeinde aus. Es geht darum, wie eine Gemeinde als Gemeinde lebt. Es geht um Beziehungen. In der Praktischen Theologie wird sehr häufig darauf hingewiesen, wie wichtig diese sind, gerade auch für die Wahrnehmung von Gästen bei unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen.

Auf der Homepage einer unserer Gemeinden las ich: „Wir lieben es, zusammen zu sein als Gemeinde.“ Wie schön, und das glaube ich den Betreffenden auch. Wir sind zwar keine Wohlfühlkirche, aber ist es nicht gelinde gesagt schade, wenn wir uns miteinander nicht wohlfühlen? Es geht ja auch nach dem Motto: „Ich kenne sie nah und liebe sie fern.“ Das ist vielleicht das Problem, die Nähe. Wer sich nah ist, sich gut kennt, der kann sich auch gut verletzen. Und je wichtiger jemandem die Beziehungen innerhalb der Gemeinde sind, je weniger andere Kontakte er hat, je mehr er innerlich abhängig ist von Zustimmung oder Ablehnung, desto tiefer gehen die Verletzungen dann. Das kann bis zum emotionalen Missbrauch reichen.

Andererseits darf und soll es auch so sein, dass wir uns nah sind und gerne Zeit miteinander verbringen. Das große Plus eines Netzwerkes von Menschen, die einander helfen und füreinander einstehen, darf man nicht verachten. Wichtig ist dabei: Jeder hat etwas zu geben. Keiner ist immer hilfsbedürftig, keiner immer stark. Dass richtig helfen gelernt sein will, hat die Kirche ja gerade im diakonischen Bereich in den letzten Jahren schon gelernt. Richtig meint: auf Augenhöhe, ohne andere zum Opfer zu erklären, damit man sich selbst besser fühlt.

Eine lutherische Kirche ist zum Glück auch nicht angewiesen auf jenes künstlich-süßliche Treibhausklima, das es in manchen frommen Gruppen gibt. Gute Beziehungen dürfen gerne nüchtern sein. Die meisten von uns haben ja ein gutes Gespür dafür, wann Verhältnisse ungesund werden.

Sie merken, das Thema hat es in sich. Nehmen Sie diese Ausgabe doch mal zum Anlass, darüber in Ihren Gemeinden zu sprechen.

Herzliche Grüße
Andrea Grünhagen