Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn Sie ein Bild auswählen sollten, das für Sie ausdrückt, was die Predigt ist – was würden Sie da wählen? Eine Kanzel? Eine Bibel? Ein Mikrofon? Eine Schlaftablette? Ein Ohr? Gar nicht so leicht, oder?

Das liegt daran, das eine Predigt zu halten und auch eine Predigt zu hören ein geistlicher Vorgang ist, den man nur schwer darstellen kann. Oft meinen Menschen ja heute, sie seien eigentlich nur wirklich am Gottesdienst beteiligt, wenn sie aktiv eingebunden werden durch sichtbare Tätigkeiten. Einfach nur eine Predigt anhören, das scheint wenig zu sein. Oder man gebärdet sich frustriert wie die Jury von „Germanys Next Top Model“ beziehungsweise macht bissige Bemerkungen wie dieser Typ, der die „Shopping Queen“ bewertet. Das kommt daher, dass viele Predigthörer gar nicht mehr um ihre Würde wissen als solche, die von Gottes Wort angeredet werden, denen Gott selbst predigen lässt.

Umgekehrt scheint dieses Bewusstsein aber auch oft den Predigern abhanden zu kommen, nämlich dass sie eine Würde haben – und nicht der Unterhaltungsclown der Gemeinde sind – und eine Verantwortung, weil es nicht ihre Botschaft ist, sondern das, was Gott in diesem Moment dieser Gemeinde zu sagen hat.

Wir lassen Sie mit dieser Ausgabe in beiden Richtungen etwas hinter die Kulissen schauen, sowohl wie eine Predigt entsteht als auch, was die Hörer erwarten oder erleben. Auch ein grundsätzliches Wort dazu, was die Predigt eigentlich ist, darf nicht fehlen.

Übrigens: In der Umfrage fehlt die Kategorie der Schriftgemäßheit oder Rechtgläubigkeit nicht, weil uns das egal wäre. Nein, sondern das ist in einer lutherischen Kirche vorauszusetzen und eröffnet erst den Raum, in dem man über Predigt nachdenken kann. Wenn das nicht gegeben ist, dann helfen keine Methode, keine Medien und keine nette Ausstrahlung des Pastors, egal wie lang er predigt. Wenn Gottes Wort nicht in Gesetz und Evangelium laut wird, dann ist eine Predigt schlecht. Was man aber tun kann, damit die Hörer die schriftgemäße Botschaft besser hören und verstehen können, ist die zweite Frage, und der widmet sich diese Ausgabe.

Predigt-Hören ist ebenso eine Kunst, die gelernt werden will, wie Predigt-Halten. Kommen Sie doch darüber mal ins Gespräch!

Es grüßt herzlich

Andrea Grünhagen