Editorial

LiebeGruenhagen-Andrea Leserinnen und Leser,

kennen Sie den Sketch von Loriot „Das Frühstücksei“? Es geht da bei einem Ehekrach um die Frage, ob man Eier „nach Gefühl“ kochen kann, und gipfelt in dem Satz: „Willst du etwa sagen, dass etwas mit meinem Gefühl nicht stimmt?“ Das Witzige und auch Entlarvende daran ist, dass man auf diese Frage keine richtige Antwort geben kann. Wenn es nicht mehr um das objektiv ermittelbare Ergebnis bestimmter Kochzeiten bei Frühstückseiern geht, sondern um das Gefühl der Köchin, hat der arme Ehemann verloren.

Ein anderes Beispiel: Einer der erfolgreichsten Werbesprüche der vergangenen Jahre war: „Ich liebe es.“ Was kann man da noch für und wider diskutieren – wenn jemand das beworbene Produkt liebt, dann tut er das eben.

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit solchen Phänomenen, also mit Fake-News, Verschwörungstheorien und subjektiverem Wahrheitsempfinden. Allerdings ist es in der Realität nicht so, dass man immer schön sauber zwischen objektiv und subjektiv trennen kann. Unsere Wahrnehmung der Realität wird auch gezielt gesteuert. Wir zeigen das mal anhand der Sprache, obwohl das nur ein Beispiel ist. Also beispielsweise: Vor einigen Jahren malte man eine „Theologenschwemme“ in unserer Kirche an die Wand. Die hat es nie gegeben, und das Wort ist nicht neutral, sondern gaukelt eine Bedrohung vor. Es hatte aber menschlich einen Effekt, nämlich, dass wir nun einen Pfarrermangel haben.

Eigentlich sind wir ja alle davon überzeugt, zwischen real und irreal unterscheiden zu können. Spannenderweise gibt es aber Ereignisse, die eintreten, obwohl niemand sich vorstellen konnte, dass das im persönlichen oder politischen Leben möglich wäre. Man nennt so was einen „schwarzen Schwan“, weil diese Tiere sehr selten sind, aber natürlicherweise doch vorkommen. Wie man mit solchen Ereignissen umgeht, überlegt ein weiterer Artikel.

Ich gebe zu, dass ist alles ganz schön kompliziert. Weil die Wirklichkeit eben kompliziert ist, nur Vereinseitigungen sind einfach.

Es grüßt Sie herzlich
Andrea Grünhagen