Ein besonderer Sonntag im Kirchenjahr

aus Heft August 2020

FelsendomDer 10. Sonntag nach Trinitatis ist im liturgischen Kalender der „Israelsonntag.“ Was es damit auf sich hat, ist auch vielen nicht bewusst, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Grund genug für einen Erklärungsversuch.


Am besten lässt sich vielleicht mit der Erkenntnis beginnen, dass auch die scheinbar so gleichförmigen Sonntage nach Trinitatis im Kirchenjahr jeweils ein besonderes Thema haben. Diese Themen ergeben sich nicht, wie in der sogenannten festlichen Hälfte des Kirchenjahres, aus der Heilsgeschichte, sondern sind durchaus wohlüberlegte Aspekte des christlichen Glaubens, die immer wieder zu entdecken und zu betrachten sich lohnt.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis wird schon seit dem 16. Jahrhundert als „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“ begangen, an dem die Kirche mit dem jüdischen Volk über den Verlust des Tempels in Jerusalem trauert. Elf Wochen nach Pfingsten ist man, was das Datum angeht, immer so ungefähr im August. Dieser Termin ist ganz bewusst gewählt, denn er liegt in der zeitlichen Nähe zum jüdischen Fest Tisch beAv, das heißt Siebter des Monats Av, an dem der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels unter Nebukadnezar gedacht wird. Denn so lesen auch wir es, nach der auch von der SELK modifiziert übernommenen Perikopenrevision aber leider nicht mehr gottesdienstlich, in 2. Könige 25, 8: „ Am siebenten Tage des fünften Monats … kam Nebusaradan … von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des Herrn und das Haus des Königs und alle Häuser in Jerusalem; alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer.“ Ich fände es ausgesprochen schade, diese Geste des Mit-Leidens, des Mit-Gedenkens heute nicht mehr zu würdigen.


Jesus weinte über Jerusalem

Aber da geht es wie gesagt um den 587 vor Christus vernichteten ersten Tempel. Als spannend und spannungsvoll erwies sich aber nicht diese Lesung aus dem Alten Testament, sondern das Evangelium des Sonntags aus Lukas 19, 41–48: „Als Jesus nahe hinzukam, sah er die Stadt Jerusalem und weinte über sie und sprach: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir, und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.“ Das hat verschiedene Fragen aufgeworfen beziehungsweise Anlass zu Spekulationen gegeben. Zum Beispiel wurde die Frage von manchen gestellt, ob Jesus selbst dies eigentlich in prophetischer Vorausschau so gesagt haben könnte, oder ob es nicht wahrscheinlicher sei, dass der Evangelist Lukas das im Nachhinein, also nach Eintritt des tatsächlichen Ereignisses 70 nach Christus so eingefügt habe. Wenn man so an die Sache herangeht, haben Jesus oder Paulus oder wer auch immer in der Regel nie gesagt, was sie nach Meinung des heutigen Lesers besser nicht gesagt hätten oder nach menschlichem Ermessen eben nicht haben sagen können und die klassische Beispielbibelstelle dafür ist diese. Das hat in diesem Fall den großen Vorteil, dass dann Jesus für diese prophetische Gerichtsansage nicht verantwortlich ist, sondern Lukas, allerdings eben nicht prophetisch, sondern mehr historisch referierend, was ja dann auch einfacher ist. Andernfalls hat Jesus nämlich etwas für unsere Ohren extrem Anstößiges getan, er hat nämlich das Schicksal von Stadt und Volk mit ihrem Handeln oder besser ihrer Erkenntnis verknüpft. Da denken Sie vielleicht, das hätten Jesaja oder Jeremia ja auch getan. Ja, richtig, und ich glaube auch nicht, dass man an dem kausalen „weil“ im Text irgendwie vorbeikommt, jedenfalls nicht, solange man nicht die nächste Verrenkung vollzieht und behauptet, falls Jesus das gesagt habe, habe er das aber nicht gemeint.


Biblisch begründeter Antijudaismus?

Das Problem entstand, soweit ich sehe, gar nicht bei den Worten Jesu, sondern bei der Verknüpfung durch die Hörer mit einem anderen Gedankengang, nämlich der verderblichen Vorstellung, die das jüdische Volk als „Gottesmörder“ diffamierte, denen zu Recht widerfuhr, was ihnen widerfuhr im Laufe der Geschichte, beziehungsweise dass zum Beispiel in den mittelalterlichen Pogromen Christen sogar sich gerufen sahen, ein „Strafhandeln“ zu vollziehen. Das ist dann Antijudaismus. Und auch der hatte furchtbare Folgen. Nur, dass der Antijudaismus die in der Bibel genannten Juden noch mit den Juden in Verbindung brachte, die die damaligen Zeitgenossen kannten. Genau das änderte sich dann, als es um rassistischen Antisemitismus ging. Ich könnte mir vorstellen, dass manche Christen blind waren für dieses Unrecht, weil in ihrem Kopf die einen nichts mehr mit den anderen zu tun hatten.


Ein christlicher Bußtag

Nach der Shoa, dem Holocaust, ist den christlichen Theologen überdeutlich klar, zu was in früheren Zeiten theologisch unverdächtige Aussagen unter anderen beigetragen haben. Also nun, was macht man dann mit dem „Israelsonntag“? Vielleicht besser schweigen? Oder diesen Tag konsequent als Bußtag für die deutsche Schuld am jüdischen Volk begehen?

Denn ein Bußtag war der Israelsonntag schon immer. Allerdings eigentlich mit größerer Weite und der universellen Ansage, dass der Gott, der sich nach dem Zeugnis der Schrift mehrfach nicht gescheut hat, in seinem Zorn sogar seine heilige Stadt Jerusalem preiszugeben, sehr wohl auch die Kirche und ihre Glieder strafen kann. Und gleichzeitig scheint in Christus, der um Jerusalem weint, das Evangelium auf, die Erkenntnis, dass das Strafen immer Gottes fremdes Werk ist, aber Erbarmen und Verschonen sein eigenes, um es mit Begriffen der lutherischen Tradition zu sagen.

In diesem Sinne ist der 10. Sonntag nach Trinitatis der „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“ mit der liturgischen Farbe Violett, ein Bußtag, zu dem traditionell der Psalm 74, die Klage über das verwüstete Heiligtum, gehört. Und nebenbei bemerkt: Gottes Wort wehrt selbst aller Schuldvergessenheit, man muss ihm nicht erst dazu verhelfen. Machen Sie einmal den Versuch und lesen Sie Psalm 74 ganz, Sie werden erschrecken über die, die „alle Gotteshäuser im Land verbrennen“, über das „törichte Volk“ und die „Stätten voller Gewalt“.


Juden und Christen

Es gibt liturgisch allerdings auch noch eine zweite Variante, den Tag zu begehen, indem man als Thema allgemein „Kirche und Israel“ in den Blick nimmt. In diesem Fall regiert das Evangelium Markus 12, 28–34 die liturgischen Stücke, wo Jesus, nach dem höchsten Gebot gefragt, das jüdische Glaubensbekenntnis, das Schema Israel (Höre, Israel), bekennt. Hier kommt mehr das Gemeinsame und die bleibende Verbundenheit zum Ausdruck. Entsprechend wird als Psalm 122 der Segenswusch für Jerusalem gebetet und die liturgische Farbe ist Grün. Es bleibt allerdings dabei, dass wir als Christen in Bezug auf Gottes erwähltes Volk vor einem Geheimnis stehen, das sich nicht geändert hat, seit Paulus die Kapitel 9–11 des Römerbriefes schrieb. Auch die lohnt es sich, mal im Zusammenhang zu lesen. Oft wird dann auch die etwas abgehobene Frage diskutiert, wie eine Fürbitte für das Volk Israel sachgemäß aussehen könnte. Abgehoben finde ich deshalb, weil viele eigentlich ganz weit weg von einem lebendigen Austausch und freundschaftlicher Verbindung zwischen Juden und Christen sind und quasi vom grünen Tisch aus bereden, was sie für richtig halten. Da, wo ich eben nicht „die Juden“ vor Augen habe, sondern ganz konkrete Menschen, werden mir sicher keine übergriffigen und verletzenden Formulierungen in den Sinn kommen. Allerdings: Mit meinen jüdischen Freunden rede ich persönlich nicht andauernd über Jesus, aber ich rede durchaus mit Jesus über meine jüdischen Freunde, denn in Gottes Ratschluss liegt alles beschlossen. Menschlich ist es ja auch so: Wenn die Mutter eines heiratsfähigen Sohnes betet: „Lieber Gott, lass ihn die richtige Frau finden und glücklich werden“, ist das etwas anderes, als wenn die Schwiegermutter in spe diesen Wunsch ausführlich im Gebetskreis ausbreitet und nicht nur Gott, sondern auch allen Anwesenden ihre Vorstellungen kundtut. Das Erste wäre nachvollziehbar, das Zweite übergriffig.

Jeder Sonntag erinnert uns an ein bestimmtes Thema. Am Israelsonntag lohnt es sich besonders, das nicht zu vergessen. Es wäre wirklich schade, diesen besonderen Sonntag nicht zu begehen.

Andrea Grünhagen

© Foto: jvdwolf | 123RF.com

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