Interview mit Andris Krauliņš (Riga)

Latvijas Evaņģēliski luteriskā Baznīca (LELB) – Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands
 
Andris Kraulins„Lutherische Kirche“ (LuKi) hatte Gelegenheit mit Kirchenrat Pfarrer Andris Krauliņš (Riga) ein Gespräch zu führen. Krauliņš ist für die internationalen Beziehungen seiner Kirche verantwortlich. Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) und die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands stehen seit 2023 in voller Kirchengemeinschaft.

LuKi: Kirchenrat Pfarrer Andris Krauliņš, stellen Sie sich vor, Sie würden auf dem Flughafen in Berlin in einer zufälligen Begegnung beschreiben, zu welcher Kirche Sie gehören?

Krauliņš: Ich gehöre zur lutherischen Kirche Lettlands.

LuKi: Eine deutsche Bekanntschaft würde Sie vielleicht fragen: „Was heißt denn lutherisch?“

Krauliņš: Ich würde sagen, dass ist ähnlich wie „evangelisch“, aber in Lettland kennen wir nicht die Union zwischen reformierter und lutherischer Kirche zur evangelischen Kirche.

LuKi: Wie groß ist Ihre Kirche?

Krauliņš: Wir haben landesweit 280 Gemeinden, die von etwa 100 Gemeindepastoren betreut werden. Die Kirche ist eingeteilt in drei Bistümer – oder Diözesen. Zusammen haben diese Bistümer etwa 35.000 aktive Gemeindeglieder. Unsere Gemeinden sind besonders in den Städten relativ jung.

LuKi: Unterscheiden Sie zwischen „aktiven“ und „inaktiven“ Kirchgliedern?

Krauliņš: Ja, aktiv ist der, der konfirmiert ist und am Abendmahl teilnimmt und den freiwilligen Kirchenbeitrag zahlt.

LuKi: Sie zählen die getauften Kinder nicht mit?

Krauliņš: Leider ist das so. Früher wurde die Finanz-Abgabe an die Gesamtkirche und an die Propstei nach Erwachsenen mit eigenem Einkommen gerechnet. Theologisch gesehen gehören die Kinder natürlich mit dazu.

LuKi: Wenn Sie die Kinder und diejenigen, die sich nicht am Gemeindeleben beteiligen dazuzählen, wie hoch schätzen Sie die Zahl dann ein?

Krauliņš: Nach der politischen Wende in den 1990er Jahren des letzten Jahrhunderts war Andrang auf die lutherische Kirche groß. Es bleiben aber leider nicht alle bei der Kirche. Genaue Zahlen zu Ihrer Frage gibt es nicht aber ich würde sagen 500.000. So gesehen sind wir die lutherische Landeskirche Lettlands, denn Lettland hat etwa 1,88 Millionen Einwohner.

LuKi: Seit wann gibt es in Lettland den christlichen Glauben?

Krauliņš: Der christliche Glaube kam aus zwei Richtungen im 10. und 11. Jahrhundert, aus dem Osten die Orthodoxe Kirche und aus dem norddeutschen Raum der westlich-katholische Glaube. Am 14. August gedenken wir unseres ersten Bischofs, Meinhard aus Segeberg, dem heutigen Bad Segeberg. 1182 kam er zu seiner ersten Missionsreise und wurde 1186 zum Bischof von Livonien / Livland geweiht.

LuKi: Wie kam es zur Reformation in dieser Region?

Krauliņš: Reformatorische Ideen kamen sehr schnell nach Livland herüber. Luther selbst verfasste mehrere Briefe an die Christen in Livland. Und so wurde 1522 Riga eine der ersten Städte der Reformation überhaupt.

LuKi: Ist der damalige Bischof lutherisch geworden?

Krauliņš: Nein. Die Bischöfe und die Klöster folgten der Reformation nicht. Aber die Gemeinden wurden lutherisch, eine nach der anderen.

LuKi: Verstand sich die Hansestadt Riga damals als deutsche Stadt? Sprach man überwiegend Deutsch?

Krauliņš: Im Sprachgebrauch ja. Aber eigentlich waren seit dem Mittelalter waren die Adelsfamilien in Livland und Kurland ansässig. Die waren sozusagen „Balten-Deutsche“. Bis zum 16. Jahrhundert sprach man in Riga Plattdeutsch. Erst später setzte sich Hochdeutsch durch. In den Kirchen gab es deutsche und lettische Gottesdienste. Die Herrnhuter Mission trug dazu bei, dass unsere Kirche wirklich eine lettische Volkskirche wurde.

LuKi: Warum?

Krauliņš: Sie haben versucht, Lieder und die Bibel ins lettische zu übersetzen und somit auch Glaubensinhalte dem einfachen Volk auf dem Land zu erklären.

Dom zu Riga WikimediaLuKi: Wie hat Ihre Kirche die kommunistische Diktatur der Sowjets überlebt?

Krauliņš: Das war eine sehr schwere Zeit für die Kirche. Nach 1945 gab es Deportationen nach Sibirien und viele Pfarrer und Gemeindeglieder flohen nach Deutschland. Zum Beispiel wurde Erzbischof Grünberg von den Nazis zwangsevakuiert. In der Folge des II. Weltkrieges verlor die Kirche 80% ihrer Pfarrer. Für die, die blieben, war es eine Mammutaufgabe, die Kirchen nach dem Krieg zu renovieren, das Gemeindeleben unter strengen Einschränkungen wieder zu organisieren. In dieser Zeit lernten die Christen in Lettland gegen das Regime eng zusammenzuarbeiten. Viele Leute haben ihr letztes Eigentum verkauft, damit die Gemeinde die Steuer an die Sowjetmacht bezahlen konnte und so einer Schließung entging. Dennoch wurden viele Kirchen in Lagerhäuser, Düngerlager, Schwimmbäder oder im besten Fall zum Konzertsaal umgewandelt. Der Dom zu Riga war ein Konzertsaal und die St. Petrikirche in Riga war ein Museum.

LuKi: Der 2025 emeritierte Erzbischof, Jānis Vanags, war als junger Mann an der Wende aktiv beteiligt?

Krauliņš: Ja, die Kirche war sehr beteiligt. Die Pfarrer gingen in den ersten Reihen der friedlichen Demonstrationen gegen das Regime.

LuKi: In der Sowjetzeit wurde in Ihrer Kirche auch die Ordination von Frauen eingeführt. Ihre Kirche hat diese Entscheidung aber vor 10 Jahren geändert. Wie kam es dazu?

Krauliņš: In der Sowjetzeit machte die Kirche alles Mögliche, um mit westlichen Organisationen Kontakt aufrecht zu erhalten. So trat unsere Kirche in den 1970er Jahren in den LWB ein. Man muss sich vorstellen: In der Sowjetzeit wurde die Theologische Fakultät und das kirchliche Seminar geschlossen. Durch die Auswanderung und Verfolgung fehlte es in der Kirche an Pastoren. In dieser Notsituation führte der damalige Erzbischof die Ordination von Frauen ohne theologische Beratungen und Beschlüsse größerer Gremien ein. Die Ordination von Frauen war bis 2016 von dem jeweiligen Erzbischof abhängig. Erzbischof Jānis Vanags hatte bereits vor seiner Wahl zum Bischof 1993 klar angekündigt, aus theologischen Gründen keine Frauen mehr zu ordinieren. Erst 2016 beschloss die Synode unserer Kirche, dass das Pfarramt nur Männern zu übertragen ist.

LuKi: Was wurde aus den damals ordinierten Frauen?

Krauliņš: Sie taten ihren Dienst weiter bis zu ihrem Ruhestand. Mittlerweile sind sie alle im Ruhestand.

LuKi: Welche Herausforderungen stellen sich Ihrer Kirche heute?

Krauliņš: Nach der Corona-Pandemie mussten wir uns der Frage stellen: Wie geht es weiter? Zuerst haben wir auf die 30 Jahre nach der Wende zurückgeschaut und diese Zeit analysiert. Es stellte sich heraus, dass wir womöglich in Bezug auf den Glaubensunterricht zu früh konfirmiert haben. Es ist zu beobachten: Je mehr Zeit man den Menschen im Unterricht widmet, desto engagierter sind sie in der Kirche. So ist unsere Aufgabe, den richtigen Weg der Katechese zu finden. Wir sprechen nicht mehr pauschal von Konfirmandenunterricht, denn erstens konfirmieren wir meistens Erwachsene und nicht Jugendliche. Und zweitens: Diese Erwachsenen kommen selten aus frommen Familien und sind häufig nicht getauft. Wir wollen diesen Unterricht von ehemals drei Monaten auf neun Monate ausdehnen.
Man muss sich verdeutlichen, dass diese Katechumenen denn Glauben erst kennenlernen müssen, sie lernen zu beten, die Bibel zu lesen, am Gottesdienst teilzunehmen und müssen auch ihre teilweise festgefahrenen Ansichten überdenken. Das braucht Zeit.

LuKi: Gibt es keine Konfirmationen mit 14 Jahren?

Krauliņš: Diese Praxis war den Deutschbalten vorbehalten. Die lettischen Jugendlichen gingen mit 18 Jahren zur Konfirmation. In der Zeit der sowjetischen Okupation durften nur Erwachsene konfirmiert werden. Seit 2007 gibt es auch Konfirmations-Kurse ab sieben Jahren für Kinder der Gemeindeglieder. Diese werden dann auch in der Regel mit sieben Jahren konfirmiert.

LuKi: Nach meiner Erfahrung ist der Blick von außen oft besonders wertvoll. Wenn Sie auf Ihre Schwesterkirche, die SELK schauen, was beobachten Sie?

Krauliņš: Erstens ist die SELK für uns in den letzten Dekaden eine große Inspiration gewesen. Wir haben sehr viel von Ihnen gelernt: theoretische Sachen wie Kirchenordnungen aber auch sehr viel Praktisches aus dem Gemeindeleben. Bischof Dr. Jobst Schöne hat in der Zeit seines Ruhestandes mehrere Generationen unserer Pastoren unterrichtet. Wir freuen uns sehr, dass Sie sich nicht aus der Trennung von den Landeskirchen heraus verstehen, sondern einfach lutherische Kirche in Deutschland sind. Die Bibel sagt: Wenn ein Glied am Leibe leidet, leiden andere mit. So leiden wir mit Ihnen und beten für Sie in dieser schweren Zeit. Viele unserer Pfarrer, die die SELK kennen, fragen sich, wie es dazu kommen konnte, dass Sie über Spaltungsszenarien reden. Sie sind unser Vorbild gewesen im konservativen Luthertum.

LuKi: Wie sehen Sie die Zukunft der Kirchen und des Luthertums in Europa?

Krauliņš: Der höchste Wert des lutherischen Glaubens ist die wahre Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium, was auch ein klares Weltbild von Sünde, Vergebung und Endzeit mit sich bringt. In dieser turbulenten Zeit, in der die Weltordnung neu geschrieben wird, ist es sehr wichtig, dass wir zusammenhalten und noch stärker zusammenrücken, um allein bei Christus zu bleiben.

LuKi: Herr Kirchenrat Krauliņš, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

(Die Fragen stellte Bischof Hans-Jörg Voigt D.D.)