Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
ist Wehrpflicht überhaupt ein Thema für eine Kirchenzeitung? Wir geben vor allem den verschiedenen Gedanken, Erfahrungen und Gefühlen Raum und wollen zur Orientierung beitragen. Ich frage mich: Ändern Situationen Positionen? Kurz vor dem Ukrainekrieg berichteten Vertreter lutherischer Landeskirchen bei einem ökumenischen Treffen, dass man überlege, vielleicht den 16. Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses, in dem das „Gerechte-Kriege-Führen und an ihnen teilnehmen“ (Sie werden in dieser Ausgabe etwas darüber lesen, S. 8 ff.) vorkommt, zu streichen. Man wundert sich, wie schnell solche Töne gar nicht mehr zu hören sind. Bemerkenswert auch die inhaltliche Verschiebung zwischen der Denkschrift der EKD von 2007 mit ihrem deutlichen Primat des Gewaltverzichts hin zu der von 2025 mit der Betonung der Schutzverantwortung des Staates.
Als auf dem Wittenberger Kirchentag 1983 jemand als Zeichenhandlung tatsächlich ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedete und viele aus der Jungen Gemeinde den Aufnäher mit der entsprechenden Skulptur, die die Sowjetunion 1959 der UNO geschenkt hatte, trugen, war das mutig. Und damit sind wir schon bei unserem Titelbild. Es wurde mit Künstlicher Intelligenz erstellt. Wir nehmen damit auf, dass es in der Bibel tatsächlich zwei gegensätzliche Verse gibt, in denen es um Schwerter und Pflugscharen geht: „Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Jesaja 2,4 ff./Micha 4,3) Und „Macht aus euren Pflugscharen Schwertern und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark!“ (Joel 4,10)
Nun sollen die Jugendlichen des Jahrgangs 2008 gemustert werden. Das sind die, die beim Kindergartenfasching konsequent entwaffnet wurden. Was das alles mit Familien macht, lesen Sie in einem Artikel. Ebenfalls unter Gesellschaft findet sich eine Reportage über einen Militärseelsorger. Das bietet einen spannenden Einblick. Warum gibt es überhaupt Militärseelsorge?
Ich persönlich finde es wichtig, was der Papst am 9. Januar in seiner Neujahrsansprache an Diplomaten, in der er auch die aktuelle Freude an Kriegslogik und Kriegsrhetorik kritisierte, sagte, nämlich dass er die Gewissensfreiheit zunehmend auch von Staaten infrage gestellt sieht, „die sich auf Demokratie und Menschenrechte zu gründen bekunden“. Doch sei die Verweigerung aus Gewissensgründen, etwa beim Militärdienst oder bei Praktiken wie Abtreibung oder Euthanasie, „ein Akt der Treue zu sich selbst“. Die Antwort auf die Frage, ob ein Christ Wehrdienst leisten darf, ist vom lutherischen Bekenntnis her Ja. Ob er das tun soll, bleibt eine Gewissensentscheidung. Könnte doch sein, dass die Frage gar nicht lautet, ob Wehrpflicht ja oder nein, sondern ob eine Verweigerung, dieser Pflicht nachzukommen, aus Gewissensgründen möglich ist. Nach dem deutschen Grundgesetz, Art. 4, ist das so. Kirchen sollten für diese Gewissensprüfung Maßstäbe an die Hand geben.
Ihre Andrea Grünhagen