Editorial


Andrea GrünhagenLiebe Leserinnen und Leser,

im Amtszimmer der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, hing ein großes Plakat, darauf stand: „Die Gemeinde ist begabt!“ Im Grunde war das eine beständige Ermahnung, aber auch ein Zuspruch an den Pastor. Es ist ihm auch wirklich gut gelungen, das Gleichgewicht zwischen Verantwortung und Gelassenheit zu wahren. Wahrscheinlich ist mir deshalb dieser Satz als Überschrift zu meinem Artikel, in dem es um die geistliche Dimension des christlichen Ehrenamtes geht, eingefallen. Selbstkritisch frage ich mich durchaus, was alle schönen geistlichen und biblischen Begründungen wert sind, wenn jemand in einer konkreten Gemeinde mit offensichtlicher Not konfrontiert ist, weil sowohl Geld als auch helfende Hände und starke Schultern knapp sind. Und wie lesen altgewordene treue Gemeindeglieder das, die so gerne noch mehr tun würden, aber einfach nicht mehr können? Was ist mit der Gemeinde, wo so grade noch genug Leute da sind, um „den Laden am Laufen zu halten“, es sich aber abzeichnet, dass dies nicht mehr lange der Fall sein wird? Andererseits stehen mir Kinder und Jugendliche aus unserer Kirche vor Augen, die mit ihrer erst noch wachsenden Kraft schon so viel tun und übernehmen, ich denke an Glaubensgeschwister, die neu in unsere Kirche gekommen sind und die mit anpacken, ich freue mich über Mitarbeiter, die schon seit Jahrzehnten treu ihre Kraft einsetzen – denen möchte ich sagen, wie wertvoll ihr Dienst ist.

Ob es Mitarbeiter in einer Gemeinde gibt, hängt erstaunlicherweise stark vom Pfarrer ab. Neben den konkreten Gegebenheiten natürlich. Wer ehrenamtlich mitarbeitet, will anständig behandelt werden. Umgekehrt klagen aber auch Hauptamtliche über verletzende Grenzüberschreitungen durch Ehrenamtliche. Oder es entsteht Streit unter denjenigen, die sich in der Gemeinde engagieren. Da entsteht ein Problem, denn bei denjenigen, die auf der Gehaltsliste der Kirche stehen, greift im Konfliktfall das Kirchenrecht, das ist bei Ehrenamtlichen nicht der Fall. Um den guten Umgang und die Wertschätzung geht es darum in einem weiteren Artikel. Und natürlich soll auch die praktische Umsetzung des Themas nicht vergessen sein. Da ist für unsere Kirche viel zu sagen. Selbstständig heißt eben selbst und ständig, da gibt es viele Beispiele aus der Geschichte, besonders der Vorgängerkirchen der heutigen SELK. Es ist schon viel getan worden in Sachen Fortbildung ehrenamtlichen Engagements. Ich denke an den Theologischen Fernkurs, an Kindergottesdienstschulungen, an Lektorenschulungen usw. Mir scheint, wir haben weniger Zeit und Kraft dafür übrig als noch vor ein paar Jahren. Allerdings spart, wer an der Zurüstung und auch am Dank für ehrenamtliche Helfer spart, leider an der falschen Stelle.

Aber auch die Lebenswirklichkeit vieler Gemeindeglieder hat sich verändert. Das Berufsleben ist stressiger geworden. Die Kirche bestimmt nicht mehr wie früher das ganze Leben. Man hat durchaus auch noch andere Freunde oder Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Das limitiert auf der einen Seite die Zeit, die man für ein Ehrenamt oder mehrere in der Gemeinde aufwenden kann, entlastet aber auch, und dadurch entstehen weniger Konflikte.

Ich bin gespannt, an welcher Stelle Sie sich bei diesem Thema wiederfinden werden, und wünsche eine gesegnete Lektüre.
Ihre Andrea Grünhagen